Bis zu meinem gesundheitlichen Zusammenbruch galt ich in meiner Familie und im Freundeskreis als eine Powerfrau, die alles schafft. Durch ständige Aus- und Weiterbildung passte ich mich den sich verändernden privaten und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen an, um den Lebensunterhalt für meine Kinder und mich selbst zu verdienen.
Im Frühjahr 2004 erkrankte ich dann sehr schwer. Die Symptome, mit denen mir mein Körper signalisierte, dass etwas nicht in Ordnung ist, waren sehr vielfältig. Es begann mit Schlafstörungen, innerer Unruhe, Konzentrationsschwierigkeiten, Haarausfall und Hautabschuppungen. Später kamen Menstruationsprobleme, Muskelkrämpfe, Lähmungserscheinungen, Schwindel, Angst- und Panikattacken, sowie immer wieder unerklärliches Herzrasen dazu, sodass mich ein Freund in die Notaufnahme des Krankenhauses bringen musste.
Dort erhielt ich die erste Diagnose: Sie haben Depressionen.
Zunächst glaubte ich der Ärztin nicht und fuhr am Tag nach der Behandlung wieder zur Arbeit. Doch sie hatte recht. In den Monaten zuvor hatte ich zunehmend das Gefühl, innerlich ausgebrannt zu sein. Ich konnte nicht mehr lachen und nicht mehr weinen.
Einige Tage, nachdem auch noch die Hoffnung auf eine neue Liebe zerbrochen war, kamen das Lachen und das Weinen schlagartig zurück und wechselten sich mehrmals täglich ab. Ich hatte das Gefühl, dass ein Musikgeist in meinem Kopf alle Lieder spielt, die mich an diese unglückliche Beziehung erinnerten. Ich war plötzlich ungewöhnlich geruchs-und hörempfindlich. Die extremen Stimmungsschwankungen und Musikhalluzinationen wurden von den Ärzten u.a. als Schlaganfall, Schizophrenie, psycho-vegetative Erschöpfung, schizoaffektive Psychose, uni-und bipolare Depression sowie als Schilddrüsenfunktionsstörung diagnostiziert.
Ein Psychiater erklärte mir später, dass mein Körper zunächst eine Autoimmunerkrankung der Schilddrüse ausgebildet hatte, welche man Hashimoto Thyreoiditis nennt. Infolge dieser Stoffwechselkrankheit hätte mein Körper dann, auch wegen meiner extremen persönlichen und beruflichen Anspannung, eine affektive, manisch ausgelenkte bipolare Störung entwickelt. Das ist keine Geisteskrankheit, sondern eine Erkrankung der Seele und der Emotionen.
Leider erhalten Menschen, die wie ich an chronischen Entzündungen der Schilddrüse leiden, sehr häufig eine falsche Diagnose gestellt. Eine organisch begründbare, vorübergehende Psychose weist frappierend ähnliche Symptome wie z.B. eine bipolare Depression oder Schizophrenie auf. Über neurologische Komplikationen endokriner Erkrankungen, wie z.B. Hashimoto Enzephalopathie, wussten damals weder meine behandelnden Endokrinologen noch die Psychiater Bescheid. Erst 2005 erschien das Lehrbuch „Neurologie und innere Erkrankungen- interdisziplinär“ , in dem dieses Krankheitsbild erklärt wird.
Durch eine - seit 2006 gesetzlich vorgeschriebene- Untersuchung der Schilddrüse (Sonografie, Blutuntersuchung auf Antikörper, TSH sowie FT3 und FT4 ) sowie eine ordentliche Differentialdiagnose mit EEG und CCT könnten solche unheilvollen Fehldiagnosen vermieden werden.
Da Entzündungen nicht nur körperliche und seelische Ursachen haben, sondern auch sehr viel mit unserem individuellen Lebensstil ( Über- oder Unterforderung, Stress, Substanzmissbrauch, Ernährungsfehler und Bewegungsmangel) zu tun haben, ist eine therapeutische Begleitung auch bei Menschen mit Autoimmunerkrankungen angezeigt. Häufig leiden sie unter Depressionen und Stimmungsschwankungen, die bis zu scheinbar grundlosen Suizidgedanken reichen können.
Aufgrund der Hashimoto Thyreoiditis sowie einer Nebennierenschwäche vertrug ich keines der verordneten synthetischen Medikamente. Nicht einmal in Minidosierungen. Auch eine Behandlung mit Lithium musste ich leider ablehnen, weil dieses Medikament die Hormonproduktion der Schilddrüse noch mehr gedrosselt hätte.
Eine Ärztin im Krankenhaus sagte damals zu meinem Freund, dass er die Beine in die Hand nehmen solle, weil ich nie wieder gesund werden und bestenfalls ein lebenslanger Pflegefall bleiben würde. Gott sei Dank hat er mich nicht im Stich gelassen und mir davon erst erzählt, als es mir im Jahr darauf schon wieder besser ging. Da ich bei Ausbruch der Erkrankung aber nicht wusste, was für eine schwere Erkrankung ich hatte und mir auch keiner erzählt hat, dass es nach dem gegenwärtigen Stand der Medizin unmöglich sein soll, ohne die üblichen Medikamente wieder gesund zu werden, machte ich einfach das, was mir in meinem Leben schon immer bei der Bewältigung meiner Probleme geholfen hatte: Ich suchte nach einem Ausweg aus meiner Krise und nahm selbst die Beine in die Hand.
Jeden Tag lief ich mehrere Stunden durch Wald und Flur. Verzweifelt dachte ich darüber nach, wie ich trotz alledem überleben könne. Dabei stellte ich fest, dass ich durch das Laufen an der frischen Luft mit der Zeit immer ruhiger wurde. Anfangs dauerte das 3 bis 4 Stunden.
So lernte ich von meinem Körper, dass Bewegung das Chaos in meinem Kopf wieder in Ordnung bringen kann. Später, als ich wieder lesen konnte, studierte ich viele Bücher und Zeitschriften und fand bestätigt, dass körperliche Bewegung wirklich die Selbstheilungsprozesse im Gehirn ankurbelt. Zwei Jahre lief ich täglich mindestens 10 Kilometer. Morgens rannte ich gegen die Unruhe und Euphorie am Fluss entlang und nachts gegen das heulende Elend durch die Straßen der Stadt.
Durch die Erkrankung lernte ich, Hilfe von anderen Menschen zu erbitten und anzunehmen.
Vom Heilpraktiker erhielt ich den Tipp, es mit Omega-3-Fettsäuren zu probieren. Das sind mehrfach ungesättigte Fettsäuren, die um unsere Nervenzellen eine Schutzhülle bilden und ihre Membranen geschmeidig halten. Außerdem lindern sie nachhaltig Entzündungsprozesse und senken somit die Anzahl der krankheitsauslösenden Zytokine in unserem Körper, die für die Ausbildung vieler schwerer Erkrankungen mit verantwortlich sind. Da wir Omega-3-Fettsäuren nicht selber bilden können, müssen wir die mit der Nahrung aufnehmen. Besonders reichlich vorhanden sind diese in fettem Fisch. Ich glaubte zunächst nicht, dass so ein einfaches Lebensmittel mir helfen könne, doch meinem Freund zuliebe probierte ich die Fischölkapseln aus der Apotheke aus. Schon einige Tage danach ging es mir merklich besser. Das Schwindelgefühl im Kopf verschwand und ich konnte mich wieder konzentrieren.
Schritt für Schritt gelang es mir, mit der schweren Stoffwechselerkrankung zu leben. Im Frühjahr 2006 verordnete mir eine Endokrinologin ein natürliches Schilddrüsenpräparat, das sowohl Tetrajodthyronin ( T4) als auch Trijodthyronin ( T3) enthält. Dadurch gelang es mir, nicht nur die Stimmungsschwankungen, sondern auch mein Gewicht wieder in den Griff zu bekommen.
Drei Jahre nach dem Ausbruch der Erkrankung schrieb ich mich an der Universität ein, hörte Vorlesungen und hielt Seminarreferate. So eignete ich mir Wissen über Medizin, Ethik, Philosophie, Psychologie und Theologie an und fand im Austausch mit anderen Menschen immer neue Impulse, die meinen Selbstheilungsprozess beförderten.
Ein freundlicher und erfahrener Psychotherapeut half mir dabei, ein frühkindliches Trauma zu lösen und lenkte meine kreative Energie auf die Suche nach meinem leiblichen Vater. Mit Hilfe einer sehr engagierten Polizeibeamtin konnte ich ihn im Jahr 2005 endlich aufstöbern. So fand ich nach 46 Jahren auch schrittweise zu den Wurzeln meiner Familie zurück. Das hat mir sehr geholfen.
Im Sommer des Jahres 2005 absolvierte ich erfolgreich einen Sprachkurs in der Bretagne, weil ich mich für die Wiederaufnahme meiner Arbeit als Lehrerin vorbereiten wollte. Vor dem Dienstbeginn sprach ich mit meiner Schulleiterin offen über meine Erkrankungen, gab ihr Informationsmaterial und bat sie um Unterstützung. Leider erhielt ich trotz meiner Bitte keine Hilfe, sondern nur die Antwort: „Sie sind grausam ehrlich.“ Das kann ich immer noch nicht verstehen. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass man mir den Dienstantritt mutwillig erschwerte. Vor meiner Erkrankung war ich eine fachlich anerkannte Lehrerin und hatte immer ein gutes Verhältnis zu meinen Schülern und deren Eltern gehabt. Bei meinem ersten Rehabilitationsversuch wurde ich dann 5 anderen Kolleginnen als „Hilfskraft“ zugeteilt, die mich nach eigenem Gutdünken einsetzen sollten. Das fand ich grausam, denn es löste eine neue depressive Phase bei mir aus. Um meine Rechte durchzusetzen, befolgte ich den Rat meiner Ärzte und nahm die Hilfe eines Fachanwaltes für Arbeitsrecht in Anspruch.
Doch trotz aller Bemühungen musste ich pensioniert werden. Das war ein großer Schock für mich. Ich ließ mich trotzdem nicht unterkriegen und begab mich auf die Suche nach Gleichgesinnten. So wurde ich Mitglied in der Deutschen Gesellschaft für Bipolare Störungen und im nationalen Bipolar- Netzwerk. In den Jahren 2006 bis 2008 stürzte ich mich dann mit Feuereifer in die ehrenamtliche Tätigkeit. Mit zwei Freunden gründeten wir die Selbsthilfegruppe „Seelengezeiten“ in Trier.
Zum Gesundwerden brauchen Menschen ein starkes Team und die Gruppe gab mir Trost und Halt, den mir meine Familie nicht geben konnte, weil sie große Probleme hatte, mich mit meiner Erkrankung anzunehmen. Dass ich auch schwach sein kann, habe ich ihnen vorher nie gezeigt. Dazu war ich zu stolz. Bei Ausbruch meiner Erkrankung wurde ich wieder naiv wie ein kleines Kind und begann an den lieben Gott zu glauben. Deshalb hielt mich ein Teil meiner Familie für verrückt und ich hatte das Gefühl, dass sie sich meiner schämten. Mir hat es aber sehr geholfen, spirituelle Hilfe anzunehmen und die Nächstenliebe in einer freikirchlichen Gemeinde zu erfahren. Unser Pfarrer ermutigte mich: Menschen, die an Gott glauben, sind nicht verrückt. Sie haben nur begriffen, dass Einzelkämpfer nicht alles alleine schaffen können. Diese Erkenntnis heißt Demut.
Nachdem ich gelernt hatte, dass meine Schilddrüsenfunktionsstörung und mein früherer Lebensstil einen wesentlichen Anteil am Ausbruch der Erkrankungen hatten, gründete ich 2007 noch eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit Hashimoto Thyreoiditis, um mich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Im Herbst 2007 wurde ich dann als Patientenvertreterin in den Vorstand der DGBS gewählt und arbeitete kurze Zeit in der Arbeitsgruppe Psychotherapie in den S-3- Leitlinien mit. Diese ehrenamtliche Tätigkeit hat mir alles abverlangt und manchmal erlitt ich durch Überforderungen wieder kurze Krankheitsphasen. Doch weil ich gelernt habe, auf meine Früherkennungszeichen zu achten, gelang es mir, diese schnell selbst wieder in den Griff zu bekommen. Dank der Strategien, welche ich mir zur Selbstregulation meiner Stimmungsschwankungen angeeignet habe, überlebte ich eine Falschmedikation und musste ich nie wieder in eine Klinik.
Als ehemalige Lehrerin engagierte ich mich dann intensiv im Schulprojekt „Verrückt? Na und!“ des Leipziger Vereins „Irrsinnig menschlich“. Im Team mit einer fortschrittlichen Politikerin und einer Psychiatriekoordinatorin gelang es uns, das Schulprojekt auch in Rheinland- Pfalz zu initiieren.
In den Jahren 2007 und 2008 belegte ich ein Seminar für begleitende Seelsorge beim ICL und begann eine ehrenamtliche Tätigkeit in der Gefangenenseelsorge. Nach meinem Umzug in meine Heimatstadt gründeten wir in Leipzig ebenfalls eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit autoimmunen Schilddrüsenerkrankungen. Dieses Angebot wird von vielen Menschen rege genutzt.
Meine Freizeit nutzte ich auch für das Erlernen von Fremdsprachen. Mit der Einübung geistiger Beweglichkeit half ich dabei meinem Gehirn bei der Neurogenese und beim geistigen Reparaturprozess. Außerdem erfüllte ich mir einen Kindheitstraum und erlernte im Jahr 2006 mein erstes Instrument, ein Keyboard. Ich weckte meine Freude in einem Tanzkurs auf, sang im Gospel- Chor und drehte mit meiner Videokamera kleine Filme.
Die Wiederentdeckung des Spiels tat meiner Seele gut. So kehrte echte Freude in mein Leben zurück und es fiel mir mit der Zeit leichter, auf krankmachende Einflüsse zu verzichten. Ich hörte mit dem Rauchen auf, lernte unmoralische Angebote auszuschlagen und begriff, dass meine Arbeitssucht eine Ersatzbefriedigung für fehlende Herzensliebe gewesen war. Dabei habe ich einen liebenswerten Menschen kennen gelernt: Mich selbst. Ich habe erfahren, dass andere Menschen mir soviel Wertschätzung entgegenbringen, wie ich mir selbst wert bin.
Ich bin in meinem Leben zu 60% schwer behindert worden, doch ich habe keinen Grund, mich dessen zu schämen. Es ist schlimm, dass viele Menschen in unserem Land ihre ganze Kraft dafür einsetzen müssen, ihre Krankheit zu verschleiern, weil sie Angst vor dem Verlust ihres Arbeitsplatzes haben. Das öffentliche Zugeben einer seelischen Erkrankung kommt in Deutschland leider noch oft einem sozialen Suizid gleich. Auch ich habe dadurch viel verloren: Meine Arbeit, mein Haus, mein Auto, meine anerkannte Stellung in dieser Gesellschaft, Verwandte und Bekannte. Mein Freundeskreis hat sich gesundgeschrumpft.
Doch ich habe auch etwas gewonnen. Die Einsicht in die Dinge, die in meinem Leben wirklich wertvoll sind: Mein Leben, meine Gesundheit, mein seelisches Gleichgewicht, meine Familie, eine Tätigkeit, die mich mit Sinn erfüllt und echte Freunde.
Heute führe ich ein glücklicheres Leben als vor dem Ausbruch meiner Erkrankung. Ich habe gelernt, dass menschliche Beziehungen nur durch Kooperation, Freundlichkeit und Nächstenliebe gelingen können und ich weiß, wie wichtig es ist, meine Rechte zu kennen und auch einzufordern. Unsere Demokratie ist wie ein Muskel. Wenn wir sie nicht trainieren, verliert sie ihre Kraft.
In unserem Land leben über 8 Millionen Menschen, die an einer Hashimoto Thyreoiditis leiden. Ebenfalls 8 Millionen leiden an einer bipolaren Depression . Rechnet man die 12 Millionen, an unipolaren Depressionen erkrankten Menschen sowie deren Angehörige und Freunde hinzu, stellt man fest, dass wir bald die Mehrheit der wahlberechtigten Bevölkerung repräsentieren. Es ist höchste Zeit, über die soziale Frage kranker und behinderter Menschen offen zu diskutieren. Die Partei, der es gelänge, das Vertrauen und die Herzen der Millionen Betroffenen und deren Familien zu gewinnen, müsste zu keiner Wahl antreten. Sie hätte sie schon gewonnen.
Auch kranke Menschen sind lernfähig und möchten aktiv an der Gestaltung unserer Gesellschaft mit all ihrer Kreativität teilhaben. Ich lerne, also bin ich :-)
Ich wünsche mir Ärzte und andere Heiler, die sowohl fachlich als auch menschlich kompetent sind und von Nächstenliebe nicht nur reden, sondern sie wirklich leben. Meine Erfahrungen mit der Unterstützung durch Politiker oder staatliche Organe haben mich gelehrt, dass es noch ein weiter Weg ist, bis unsere demokratischen Gesetze vom Lippenbekenntnis in die Wirklichkeit umgesetzt werden.
Ich glaube, dass mein Heilungsweg ein Beispiel gelungener Kooperation von Ärzten, Wissenschaftlern, Therapeuten, Heilpraktikern, Seelsorgern und vielen anderen Menschen ist, die ich zwar nicht alle persönlich kennen gelernt, doch deren Bücher ich gelesen habe. Mit meinem Buch möchte ich anderen Betroffenen, ihren Familien, Ärzten, Heilern und Arbeitgebern Mut machen und Hoffnung geben. Mein Heilungsprozess ist weder eine Spontan- noch eine Wunderheilung. Für mich ist es ein „mögliches Wunder“.
Ich habe gelernt, dass es sich lohnt, sich auf den oft steinigen und entbehrungsreichen Weg der Heilung zu begeben. Ich habe überlebt.
Damit auch andere erkrankte Menschen lernen können, ihre Gesundheit wieder zu finden und zu erhalten, wünsche ich mir geeignete Bildungsstrategien. Selbsthilfegruppen und Patientennetzwerke sind ein guter Anfang.
Karena Walter